Geld + Märkte

10. März 2021
Länderporträt

Sicherer Hafen

Nicht nur im Fußball spielt das kleine 3,5-Millionen-Einwohner-Land Uruguay eine erstaunlich wichtige Rolle. Die Schweiz Lateinamerikas gilt als Tor zum Mercosur und in vielen Bereichen als Vorzeigevolkswirtschaft.
Sie sind zwei der erfolgreichsten und innovativsten Unternehmer Argentiniens. Marcos Galperín, Gründer von Mercado Libre, dem größten Onlinehändler Südamerikas. Und Gustavo Grobocopatel, der Sojakönig, der wie kein anderer die moderne Landwirtschaft in ganz Südamerika geprägt hat. Beide residieren inzwischen nicht mehr in Argentinien, sondern seit einigen Monaten im benachbarten Uruguay. Dort sind die Steuern niedriger und die Regeln verlässlicher. Vor allem Letzteres.

Vorzeigevolkswirtschaft
Der seit März 2020 regierende liberal-konservative Präsident Uruguays, Luis Lacalle Pou, setzt ganz gezielt auf die Einwanderung wohlhabender Ausländer. Er hat die rechtlichen Hürden für eine Ansiedlung in Uruguay so niedrig gehängt wie nie. Neuansiedler brauchen zum Beispiel pro Jahr nur 60 Tage in Uruguay zu verbringen, um die Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Jede Woche stellen 150 Argentinier einen entsprechenden Antrag.
Uruguay gilt als die Schweiz Südamerikas. Das Land hat eine stabile Demokratie, in der traditionelle Parteien eine größere Rolle spielen als in anderen Ländern der Region. Populisten und Machopolitiker haben in Uruguay bisher kaum Chancen. Mit Europa teilt Uruguay die kulturelle Basis und den gleichen Wertekanon. Bei Rankings zu Transparenz, Gewerbefreiheit oder Rechtsstaatlichkeit erzielt Uruguay im südamerikanischen Vergleich Spitzenwertungen. In Sachen Wettbewerbsfähigkeit wird Uruguay in Lateinamerika nur von Chile getoppt.

Als der deutsche Lederproduzent Bader vor 20 Jahren hier eine Niederlassung eröffnete, tat er das, weil das Land „langfristig mehr rechtliche, politische und wirtschaftliche Sicherheit bot“, erklärt Willie Tucci, der Bader Uruguay heute leitet. Daran, sagt er, habe sich bis heute wenig geändert (siehe Interview mit Willie Tucci) .

Zudem gilt Uruguay als das Land mit der höchsten Lebensqualität in der Region. Zwar war eines der Hauptthemen im vergangenen Wahlkampf, dass die Kriminalität in Südamerikas Stabilitätsoase zunimmt. Doch die Sicherheitslage ist immer noch wesentlich besser als in den meisten anderen lateinamerikanischen Ländern. Eine Vorzeigevolkswirtschaft – auch bei der Energiewende: Uruguay gehört weltweit zu den Vorreitern bei erneuerbaren Energien, produziert mehr grünen Strom, als es selbst verbrauchen kann.

„Der größte Kapitalmagnet ist die Zellstoffindustrie, große Hoffnungen ruhen auf dem Export von Cannabis.“ – Carl Moses


 

Strandansicht von Uruguays Hauptstadt Montevideo.

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Die Agrarindustrie ist seit jeher der wichtigste Devisenbringer im Land und hat auch für die kommenden Jahre gute Perspektiven.

Der Inlandsmarkt allein ist zu klein
Einen Wermutstropfen gibt es: Uruguays -Inlandsmarkt ist mit 3,5 Millionen Konsumenten und einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 60 Milliarden US-Dollar begrenzt. „Uruguay ist ein guter Ort, um Sachen auszuprobieren“, sagt Victoria Alonsopérez, deren Unternehmen Chipsafer Technologielösungen für die Viehwirtschaft entwickelt. „Aber weil der lokale Markt so klein ist, hast du bei jeder Geschäftsidee von Anfang an die Exportchancen im Kopf. Das ist einfach so.“

So war es auch beim 2009 gegründeten Onlinelieferdienst Pedidos Ya, der von Anfang an auf die Nachbarmärkte Argentinien und Chile zielte. 2014 vom deutschen Konzern Delivery Hero übernommen, ist das uruguayische Start-up inzwischen einer der Marktführer in ganz Lateinamerika. Das auf digitale Zahlungslösungen spezialisierte Fintech-Unternehmen Dlocal, das unter anderem für Uber, Netflix und Amazon arbeitet, sammelte 200 Millionen US-Dollar bei Investoren ein und erreichte sogar eine Gesamtbewertung von 1,2 Milliarden US-Dollar – das erste Einhorn Uruguays.

Tor in die Region
„Es wäre ein Fehler, Uruguay nur als Land für sich zu sehen“, sagt auch Juan Pablo Queirolo, General Manager des Logistikunternehmens DB Schenker in Montevideo. „Uruguay ist ein Tor in die umliegende Region.“ Durch den südamerikanischen Staatenbund Mercosur und zahlreiche weitere Handelsabkommen haben Unternehmen von Uruguay aus Zugang zu einem Markt mit mehr als 400 Millionen Verbrauchern, der zwei Drittel des BIP Lateinamerikas umfasst, und drei Viertel des Außenhandels. Seine geografische Lage biete zusammen mit seinen diversen Freizonen und den Zolllagern an Freihäfen und direkt am Flughafen von Montevideo einen „idealen Rahmen für die Installation von Vertriebszentren für verschiedene Waren“, konstatiert Mischa Groh, Geschäftsführer der AHK Uruguay.

Bis 2014 wuchs Uruguays BIP um durchschnittlich vier Prozent pro Jahr, seitdem immerhin noch um 1,3 Prozent. Uruguay zeigt eine erstaunliche Krisenresilienz. Nach dem Schuldenausfall 2002 im Sog Argentiniens war das Land schnell wieder kreditwürdig. 2009 wuchs Uruguays BIP trotz der globalen Finanzkrise. Auch die Covidpandemie hat das Land bisher viel weniger getroffen als andere: Laut Prognosen des Weltwährungsfonds sank das BIP 2020 nur um 4,5 Prozent. Im Rest Lateinamerikas waren es minus acht Prozent. Wieder einmal vorbildlich also. Wie es sich für eine Schweiz gehört.
 

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