Geld + Märkte

13. Juli 2020
Länderporträt

Uruguay – Drehscheibe im Mercosur

Der Mercosur ist das bedeutendste Wirtschaftsbündnis in Lateinamerika.
Die Mitgliedsstaaten Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay stehen für knapp die Hälfte der Wirtschaftskraft der gesamten Region. Slim Derouiche, IHK-Referent Außenwirtschaft sprach für die w.news mit Mischa Groh, Geschäftsführer Deutsch-Uruguayische Industrie und Handelskammer, über die Wirtschaftslage Uruguays und über das EU–Mercosur-Abkommen.
 
Lassen Sie uns bitte mit einem kurzen Rückblick starten. Wie beurteilen Sie die Wirtschaftslage Uruguays vor der Pandemie?
Die uruguayische Wirtschaft ist in den vergangenen zehn Jahren im Durchschnitt jährlich um rund vier Prozent gewachsen. Allerdings schwächte sich das Wachstum zuletzt stark ab. Im März 2020 löste eine Mitte-Rechts-Koalition eine 15 Jahre andauernde Regierung der Linkskoalition „Frente Amplio“ ab. Mit einem jährlichen Haushaltsdefizit von fünf Prozent, einer 70-prozentigen Staatsverschuldung sowie einer Arbeitslosigkeit von rund zehn Prozent warten auf den neuen Staatschef Lacalle Pou große Herausforderungen in den nächsten fünf Jahren.
 
Und im gemeinsamen Markt Mercosur?
Da sieht die Lage sehr unterschiedlich aus. Während Brasilien für 2020 wieder ein robusteres Wachstum von zwei Prozent erwartete, schlitterte Argentinien in eine weitere Finanzkrise. Paraguay hingegen verzeichnete das stärkste Wachstum im Mercosur, bleibt aber mit einem BIP von 41 Milliarden US$ weiterhin das schwächste Mitglied im Mercosur.
 
Die EU und die Mercosur-Staaten haben sich im Juni 2019 auf ein Freihandelsabkommen geeinigt. Welche Chancen sehen Sie im Abkommen für Uruguay?
Die uruguayische Regierung, die im Juli die Mercosur-Ratspräsidentschaft für das Wirtschaftsbündnis übernimmt, sieht in der Ratifizierung des bereits fertig verhandelten Abkommens kurzfristig eine große Chance, der heimischen Exportwirtschaft neue Dynamik zu verleihen und damit die Wirtschaft am Rio de la Plata wieder anzukurbeln. Für die drei wichtigsten uruguayischen Exportprodukte in die Europäische Union – Rindfleisch, Reis und Honig – können durch das Abkommen rund 70 Millionen US$ an Zöllen eingespart und über 50 geografische Herkunftsbezeichnungen in Uruguay nachhaltig geschützt werden. Auf der andren Seite öffnet sich ein interessanter Markt für deutsche Produkte und Services. Ein Markt in dem deutsche Unternehmen aufgrund der Zollschranken bisher nur eingeschränkt wettbewerbsfähig waren. Noch grösser ist aber das Potenzial für den Know-how- und Technologietransfer für die Weiterverarbeitung von Waren in Uruguay.
 
Wie wird das Abkommen in Uruguay überhaupt wahrgenommen?
Die aktuelle Regierung bekennt sich klar zum Freihandel, Multilateralismus sowie einer regelbasierten Weltordnung. Lacalle Pou setzt in die bevorstehende deutsche EU-Ratspräsidentschaft große Hoffnung für eine neue Dynamik im anstehenden Ratifizierungsprozess. Uruguayische Wirtschaftsverbände und Kammern befürworten das Abkommen im Allgemeinen. Klar ist aber auch, dass damit große Herausforderungen für einzelne Wirtschaftssektoren am Rio de la Plata einhergehen werden. Die Stimmung ist also im Großen und Ganzen positiv.

Mischa Groh, Geschäftsführer der AHK Uruguay.

Dann kam die Corona-Pandemie. Können Sie uns die Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft Uruguays schildern?
Am 13. März trat in Uruguay der erste Corona-Fall auf. Die neue Regierung reagierte schnell und koordiniert und setzte im Folgenden auf Empfehlungen sowie Aufklärung statt auf Verbote. Damit schlug Uruguay einen eigenen Weg in der Bekämpfung der Corona-Pandemie ein. Und dies mit großem Erfolg. Stand 17. Juni zählt Uruguay 24 aktive Corona-Fälle sowie 23 Tote. 99 Tage nach dem ersten Fall verzeichnete Uruguay den ersten Tag ohne Neuinfektionen. Dieser Umstand ermöglichte eine rasche Rückkehr in eine neue „Normalität“, die der Reaktivierung der Wirtschaft zugutekommt. Flankierend spannte die Regierung einen Rettungsschirm von 400.000 US$ auf, um den wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie zu begegnen. Dieser Fonds speiste sich teilweise aus einer Reduktion aller Gehälter im öffentlichen Dienst um bis zu 20 Prozent. Ein im lateinamerikanischen Vergleich hochentwickeltes Gesundheitswesen, eine geringe Bevölkerungsdichte sowie die gut ausgebaute digitale Infrastruktur und Kultur sind weitere Faktoren, von denen Uruguay in der Krisenbewältigung profitiert. Obwohl Uruguays Wirtschaft besser als seine südamerikanischen Nachbarn durch die Krise zu kommen scheint, erwarten Experten eine Schrumpfung der Wirtschaft von bis zu vier Prozent sowie einen weiteren Anstieg des Staatsdefizits, der Inflation und Arbeitslosigkeit. Für 2021 wird wieder ein positives Wachstum erwartet, welches in weiten Teilen durch die größte ausländische Einzelinvestition in der uruguayischen Geschichte getrieben wird: Das finnische Unternehmen UPMKymmene investiert über drei Milliarden US$ in eine weitere Zellulosefabrik.
 
Uruguay positioniert sich als Hub in der Region. Sind hier Chancen und Möglichkeiten in der Krise entstanden?
Die wirtschaftspolitische Stabilität und hervorragende digitale Infrastruktur Uruguays (erstes 5-G-Netz in Lateinamerika) gewinnen in solchen Krisenzeiten weiter an Bedeutung. Das gibt der Hub-Funktion Uruguays für die Region weiter Auftrieb. Hinzu kommen zahlreiche neue steuerliche Anreize, die ausländische Investitionen anziehen sollen.
 
Die AHK Uruguay ist seit 1916 als erfolgreicher Vertreter der deutschen Wirtschaft in Montevideo präsent. Welche Herausforderungen haben Sie jetzt, für den Standort Uruguay?
Die zunehmende Digitalisierung im Zuge der Corona-Pandemie ist eine Chance und Herausforderung für unsere Institution. Gefragt sind neue digitale Formate, um Mitglieder und Kunden zu binden beziehungsweise neue zu gewinnen. Zugleich wird es aber immer wichtiger, in Netzwerken zu denken und zu arbeiten. Beiden Herausforderungen sind wir in 2020 begegnet. Die Expo Virtual Alemania Latinoamérica ist ein gutes Beispiel eines innovativen Formats, organisiert durch alle AHKn in Lateinamerika.
In Zeiten der Disruption von traditionellen Geschäftsmodellen ist der Zugang zu Innovationen gefragt. Um diese Hürde zu nehmen, sind wir im Frühjahr 2020 in Kooperation mit der Stiftung da Vinci Inkubator geworden und konnten damit unser bestehendes Serviceangebot weiter ausbauen.