Geld + Märkte

Geld + Märkte - Brasilien
06. November 2019
Brasilien

Attraktives Investitionsziel

Brasilien macht als größte Volkswirtschaft Lateinamerikas etwa 40 Prozent des Gesamtbruttoinlandsprodukts Lateinamerikas (inklusive Mexiko) aus.
Das Land ist nicht nur aufgrund seines Reichtums an Bodenschätzen, seiner großen landwirtschaftlichen Nutzflächen und seiner jungen, gut gebildeten Mittelschicht ein attraktives Investitionsziel für international orientierte Unternehmen, sondern auch aufgrund des riesigen Binnenmarktes von aktuell rund 208 Mio. Einwohnern (ca. 48 Prozent der Bevölkerung Lateinamerikas) und des starken Industrie- und Dienstleistungssektors.

Nach der Rezession Brasiliens in den Jahren 2014 und 2016, hat die brasilianische Wirtschaft seit dem Jahr 2017 ihren Expansionskurs wieder aufgenommen. Dies spiegelt sich sowohl in der positiven Entwicklung des Wirtschaftswachstums (1,2 Prozent in 2018 und Prognose von 0,9 Prozent für 2019) als auch in dem Anstieg Ausländischer Direktinvestitionen (um 10,2 Prozent zum Vorjahr auf 85,2 Milliarden US$) wieder. Allein der Bundesstaat São Paulo macht rund 32 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus.

Von allen europäischen Ländern investiert Deutschland am stärksten in den brasilianischen Markt. Laut eigener Schätzung sind ungefähr 1.200 deutsche Unternehmen in Brasilien, wovon allein 900 im Raum São Paulo ansässig sind. Dies unterstreicht die enorme ökonomische Bedeutung des Großraums São Paulo für Brasilien. Ein Viertel des brasil. PIB´s konzentrieren sich auf nur sechs Städte. Darunter hebt sich die Metropole São Paulo (SP) mit 11 Prozent deutlich von den anderen Städten Rio de Janeiro (RJ) mit 5,3 Prozent, Brasília (DF) mit 3,8 Prozent, Belo Horizonte (MG) mit 1,4 Prozent, Curitiba (PR) mit 1,3 Prozent und Osasco (SP) mit 1,2 Prozent ab.

 Wirtschaftspolitische Entwicklung
Wirtschaftspolitisch setzt die neue Regierung unter Präsident Bolsonaro auf einen Reformkurs, mithilfe dessen unter anderem der freie Wettbewerb sowie die Marktöffnung gefördert werden. Zu den Schwerpunkten ihrer Politik zählt die Stabilisierung des Staatshaushaltes durch Reformen des derzeitigen Rentensystems und die Privatisierung von Staatseigentum. Desweiteren soll das komplexe Steuersystem reformiert und der bis dato alleinig durch Petrobras kontrollierte Gasmarkt liberalisiert werden.

Schon jetzt ist die EU Brasiliens größter Handelspartner, gefolgt von China und den USA. In Europa pflegt die brasilianische Regierung insbesondere zu Deutschland bilaterale Beziehungen auf Konsultationsebene. Ein Beispiel, ist die bestehende Energiepartnerschaft zwischen den beiden Ländern, die sich auf den Ausbau der erneuerbaren Energien sowie die Optimierung der Energieeffizienz fokussiert.

Die Einigung auf das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Mercosur Ende Juni 2019 führt zur Verbesserung des Marktzugangs aller Parteien, vor allem für Waren, Dienstleistungen und Investitionen. Mit der Aufhebung der Mehrheit an Einfuhrzöllen und nichttarifären Handelsbarrieren in den nächsten Jahren werden deutsche Firmen zum einen erhebliche Einsparungen an Zollgebühren für die Ausfuhr in die Mercosur Staaten und zum anderen auch einen günstigen Zugang zu Rohstoffen genießen werden. Deutsche Expor- und Importeure können vom Zollabbau und dem Abbau nichttarifärer Handelshemmnisse profitieren.

Marktchancen für deutsche Unternehmen
Trotz des kontinuierlichen Wachstums und der enormen Größe des brasilianischen Marktes haben diese Industrien akuten Bedarf an innovativen Technologien und Lösungsansätzen aus Deutschland, wodurch sich diverse Marktchancen für deutsche Unternehmen in den nachfolgend beschriebenen Industrien ergeben. Dabei zielt der allgemeine Trend auf höhere Automatisierungsgrade in den Fabriken, die Steigerung der Energieeffizienz, der Ressourceneinsparung und -wiederverwertung ab.

Zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit und der Kompensation der hohen Kosten des Produktionsstandorts Brasilien suchen die Marktakteure ständig neue Möglichkeiten, ihre Prozesse rationaler, effizienter und nachhaltiger zu gestalten.

Chemieindustrie
Brasilien hat sich zum achtgrößten Chemieproduzenten der Welt entwickelt und profitiert vorallem durch seinen traditionell stark entwickelten Erdöl- und Erdgassektor. Chemische und anorganische Produkte bilden den größten Marktanteil der Industrie.

Marktanalysen der AHK São Paulo haben gezeigt, dass in der Herstellung von Wirkstoffen und Medikamenten ein Bedarf an flexiblen Automatisierungskonzepten und eine effizientere Kühlinfrastruktur existiert. Aufgrund der hohen Energiekosten und der zugleich energieintensiven Prozesse der Chemieindustrie steht die Energieeffizienz zunehmend im Vordergrund.

Brasilianische Produzenten sind deshalb interessiert an Energie-Monitoringsystemen, effektiven Isoliersystemen für Prozess- und Gebäudetechnik sowie energieeffizienter Ausrüstung. Ein weiterer Schwerpunkt besteht in Technologien und Systemen zur effizienten Wasseraufbereitung.

Zuckerindustrie
Brasilien ist der aktuell größte Zucker- und zweitgrößte Ethanolproduzent. Die Regierung hat mit der Initiative Renova Bio klare Entwicklungsziele bis 2030 zur Stärkung des Zuckersektors und der genetischen Weiterentwicklung von Ethanol der 2. Generation (E2G) festgelegt.

Die konkreten Technologiebedarfe im Zuckeranbau liegen für brasilianische Produzenten vor allem in der Automatisierung der Düngemittel- und Nährstoffausbringung, der Bewässerung sowie in Dienstleistungen zur Auswertung von Echtzeitinformationen gesammelt über Dronen- und Satellitenbilder. Im Bereich der Zuckerrohrverarbeitung sind die brasilianische Unternehmen insbesondere an der Modernisierung älterer Maschinenparks, um sie Industrie 4.0 kompatibel zu machen, und an flexibler Anlagentechnik zur Verarbeitung von Zuckerrohr und Mais in sogenannten integrierten Fabriken interessiert.

Zudem produzieren brasilianische Fabriken bereits ihren eigenen Strom aus Biomasse. Auch hier existiert ein Bedarf an spezifischer Anlagentechnik aus Deutschland, wie zum Beispiel Boiler, Filter und Zentrifugen zur Effizienzsteigerung.

Zelluloseindustrie
Aufgrund der hohen Verfügbarkeit und Produktivität der Waldflächen Brasiliens hat die brasilianische  Zelluloseindustrie in den letzten zwölf Jahren einen erheblichen Zuwachs an Produktionskapazität verzeichnet und konnte sich so zum viertgrößten Produzenten der Welt entwickeln.

Die aufgedeckten Potenziale für deutsche Unternehmen liegen zum einen im Bereich der genetischen Veränderung des Holzes, um einerseits die Produktivität der Wälder zu steigern und andererseits die Eigenschaften der Zellulose zu verbessern. Zum anderen besteht ein erhebliches Interesse an Lösungsansätzen Wasser in Bleichprozessen einzusparen sowie benötigte Anlagentechnik, darunter effiziente Pumpen und Filter, um Abwasser aus Produktionsprozessen zu behandeln.

Außerdem stehen brasilianische Unternehmen vor der Herausforderung die Kraft-Wärme-Kopplung mittels einer effizienteren Verbrennung und anderen Behandlungstechnologien der Biomasse, wie beispielsweise der Extraktion von Lignin aus der Schwarzlauge zur Brennstoffverwertung, effizienter gestalten zu wollen.

Biogassektor
Der brasilianische Biogasmarkt birgt ein enormes Biomassepotenzial generiert durch Abfälle aus der Agrarwirtschaft, Industrie und von Abfällen sowie Abwasser. Der Sektor ist innerhalb der letzten drei Jahre um 117 Prozent auf 153MW installierter Leistung angewachsen. Diese verteilten sich im Jahr 2018 auf etwa 276 Anlagen.

Der Technologiebedarf von Seiten der brasilianischen Betreiber von Bioenergieanlagen umfassen Technologien zur Aufbereitung von Abwasser und Abfällen, Ventilations-/Kühlungssysteme (inklusive KWKK) in der Tierwirtschaft, Technologien zur Reinigung und Anlagenzubehör wie unter anderem Stickstoff- und Methanmessgeräte, Sensortechnik und Membranen. Neben dem Vertrieb von Anlagen und Komponenten ist der After-Sales-Service eine weitere Chance dieses aufstrebenden Marktes.

Urbane Mobilität und Elektromobilität
Aktuell liegt der Schwerpunkt auf der Metropolregion São Paulo, für die ein strategischer Masterplan entworfen wurde, welcher vorsieht einerseits die Bevölkerungsdichte in den Verkehrsachsen der Hauptstadt zu erhöhen und andererseits etwa 30 Prozent der Mittel des kommunalen Entwicklungsfonds „Fundurb“ in urbane Mobilität zu investieren. Das Programm Rota 2030 stellt das wichtigste Programm zur Förderung der E-Mobilität und Biokraftstoffen in Brasilien dar. Dieses schafft unter anderem steuerliche Anreize auf Forschungsvorhaben im Bereich Biokraftstoff und auf den Absatz von Hybrid- und Elektrofahrzeugen in Brasilien.

Im Bereich der Infrastruktur und Technologie ergeben sich für deutsche Firmen Möglichkeiten zur Impementierung von Tracking- und Ticketingsysteme, welche zur Verbesserung des öffentlichen Verkehrs benötigt werden. Ebenso werden Kontroll-, Betriebs- und Ladesysteme, der Ausbau von Rolltreppen oder Aufzügen für die alternde brasilianische Bevölkerung und zentralisierte Verkehrsleitsysteme gesucht. Im Bereich Software ist eine gemeinsame Entwicklung von Echzeit-Planungssystemen und Echzeit-Datenerfassungsystemen und deren Verknüpfung mit den Nutzern über Smartphone-Applikationen von Interesse.

Die Elektromobilität in Brasilien befindet sich noch in der Anfangsphase, wodurch zunächst ein entsprechendes Netz an Ladeinfrastruktur auf- und ausgebaut werden muss, um im Nachgang gemeinsam Elektrobusse und -autos für den brasilianischen Markt zu entwickeln und zu produzieren.

Solarenergiesektor
Die installierte Gesamtkapazität Brasiliens betrug in 2018 zirka 2,3 GW. Davon fielen etwa 500 MW unter die dezentrale Stromerzeugung und 1.790 MW unter die zentrale Stromerzeugung. Photovoltaikprojekte in Brasilien werden in den Auktionen für Reserveleistungen (Leilões de Energia de Reserva) vergeben. Bis zu den A-4 Auktionen in 2018 wurden 143 Solarprojekte vergeben, die eine installierte Gesamtkapazität von 4.033 MW erreichen werden.

Die aktuellen Herausforderungen die sich den Energieunternehmen und Gemeinden in Brasilien stellen sind der Ausbau der Infrastruktur für öffentliche Gebäude zur effizienten Speicherung, Übertragung und Bereitstellung der elektrischen Energie. Betreiber von Photovoltaikparks sind zunehmend an Technologien zur Fernwartung, wie zum Beispiel Wärmebildkameras zur Detektion ineffizienter Photovoltaikzellen, interessiert. Zudem sind die intelligente Datenanalyse in Smart Grids und die Implementierung von automatisierten Analysetools Schwerpunkte der Energieunternehmen.
 
AHK-Sprechtag Brasilien
Der Autor Ricardo Castanho ist Abteilungsleiter Außenwirtschaft und Messen bei der AHK Brasilien in Sao Paulo. Er steht am Montag, 18. November zwischen 13 und 17 Uhr beim AHK-Sprechtag Brasilien als Experte im Heilbronner Haus der Wirtschaft (IHK) für Fragen in individuellen 45-minütigen Einzelgesprächen zur Verfügung.

Interessenten haben die Gelegenheit, sich aus erster Hand über den Markt zu informieren. Die Beratungsgespräche sind für IHK-Mitglieder kostenfrei. Eine verbindliche Anmeldung ist jedoch unbedingt erforderlich.