Titelthema

09. November 2020
Titelthema November 2020

Akademische versus berufliche Bildung

Mit einem Hochschulabschluss verdient man mehr als ein Nicht- Akademiker. So lautet eine gängige Meinung. Doch es gilt mit Vorurteilen aufzuräumen.
Heute hat mehr als jeder fünfte Erwerbstätige (22 Prozent) zuvor an einer Universität, Fachhochschule oder Berufsakademie studiert. Der ungebremste Trend zur Akademisierung sorgt jedes Jahr für viele neue Jungakademiker auf dem Arbeitsmarkt: Seit 2008 kletterte der Akademikeranteil unter den Erwerbstätigen um vier Prozentpunkte –  das entspricht rund 2,4 Millionen Personen.  Gleichzeitig, so zeigen aktuelle Projektionen, wird die Fachkräftelücke im Bereich der beruflich Qualifizierten auch in der aktuellen Dekade weiter bestehen bleiben – und somit viele Bereiche der Wirtschaft bei der Personalgewinnung unverändert vor große Herausforderungen stellen.    
 
Studienanfängerzahlen auf hohem Niveau stabil
Dass diese Entwicklung anhalten wird, zeigen auch die Zahlen des Statistischem Bundesamtes: Im vergangenen Jahr haben knapp 499.000 Studierende ihre akademische Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem leichten Rückgang um ein Prozent, der sich insbesondere durch den demografischen Wandel erklären lässt – dies zeigt sich ebenso  an der rückläufigen Zahl der studienberechtigten Schulabgänger (-2,7 Prozent). Insgesamt bleiben die Studienanfängerzahlen (rund 508.000 Neuimmatrikulationen im Studienjahr 2019/20) jedoch auf hohem Niveau stabil, so dass auch die Zahl der Berufsanfänger mit akademischem Abschluss in den nächsten Jahren unverändert groß bleiben   dürfte, bevor sie in Folge der demografischen  Entwicklung ebenfalls zurückgehen wird.   
 
Berufliche Bildung leicht rückläufig
Einen leicht rückläufigen Trend verzeichnet die berufliche Bildung hingegen bereits seit einigen Jahren: Insgesamt fragen weniger junge Leute eine betriebliche Ausbildung nach, weshalb auch die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge in den vergangenen Jahren leicht gesunken ist. Langfristig betrachtet verzeichnet die Gesamtwirtschaft seit 2005 ein Minus von 4,6 Prozent. Trotz schwächerer Konjunktur haben die Unter nehmen auch 2019 wieder eine Rekordanzahl an Ausbildungsplätzen bereitgestellt: Mit einem Plus von 6.600 auf rund 572.000 gemeldeten Ausbildungsstellen war das Ausbildungsangebot aus Sicht der Jugendlichen so gut wie noch nie. Zugleich ist fast jeder zehnte von den Betrieben angebotene Ausbildungsplatz unbesetzt geblieben. Warum sich so viele Menschen für ein Hochschulstudium und nicht für eine berufliche Ausbildung entscheiden, beruht unter anderem auf einem Gesellschaftsbild, das nicht zuletzt durch die Politik vermittelt wurde: Das Abitur wird mittlerweile vielfach als „Mindestabschluss“ einer schulischen Qualifikation angesehen.
 
Daraus resultiert bei Jugendlichen der Trugschluss, dass nur das Abitur optimal auf eine erfolgreiche Berufstätigkeit vorbereitet. Des Weiteren wird das Bild vermittelt, dass Akademiker mehr verdienen als Nicht-Akademiker und dass das Arbeitslosigkeitsrisiko geringer ist und Akademiker  schlicht die „besseren Jobs“ haben. Doch stimmen diese (Vor-)Urteile tatsächlich?   

Der kumulierte Verdienst einer Person mit Ausbildung und anschließender Weiterbildung liegt am Ende des Erwerbslebens fast gleichauf mit jemandem mit Hochschulabschluss.

Stimmt es, dass Akademiker mehr verdienen als Nicht-Akademiker?   
Bei einem Vergleich der Gehälter von Akademikern und Nicht-Akademikern wird meist das Lebenseinkommen herangezogen. Eine aktuelle Studie des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) an der Universität Tübingen (2019) zeigt, dass der kumulierte Verdienst einer Person mit Ausbildung und anschließender Weiterbildung am Ende des Erwerbslebens fast gleichauf mit jemandem mit Hochschulabschluss liegt, nämlich  bei etwa 1,4 Millionen Euro. Mit neuen Untersuchungsansätzen zeigt die Studie zudem erstmals, in welcher Altersphase welche Personengruppen mehr verdienen: So haben beruflich Qualifizierte bis zum 60. Lebensjahr – und damit während des größten Teils ihres Berufslebens – finanziell gegenüber den Akademikern die Nase vorn. Diesen gelingt es also erst recht spät in ihrem (Berufs-)Leben, den durch längere Qualifizierungszeiten entstandenen Einkommensnachteil aufzuholen. Insbesondere in kostenintensiven Lebensphasen wie der Familiengründung oder dem Erwerb einer Immobilie verfügen  beruflich Qualifizierte also bereits über ein  gutes finanzielles Polster, während Akademikerinnen und Akademiker nicht selten noch ihren Studienkredit abstottern müssen.
 
Hinzu kommt, dass es in der Gruppe der Akademiker teils erhebliche Einkommensunterschiede gibt: Darf ein Ingenieur in Luft- und Raumfahrt mit einem durchschnittlichen Einstiegsgehalt von ca. 5.800 Euro rechnen,  so hat ein Architekt zu Beginn seines Arbeitslebens durchschnittlich lediglich 3.000 Euro  zur Verfügung. Absolventen der Sozialpädagogik oder der Geisteswissenschaften müssen beim Gehalt meist noch größere Abstriche machen.    
 
Einstiegsgehalt von ausgebildeten Fachkräften oft höher
Demgegenüber ist das Einstiegsgehalt von ausgebildeten Fachkräften oft höher als man vielleicht meint: Bankkaufleute können nach ihrer Berufsausbildung mit einem Gehalt von  bis zu 3.400 Euro brutto rechnen. Ebenso sind Arbeitskräfte in der Industrie sehr gefragt: Ein ausgelernter Industriemechaniker wird mit bis zu 2.500 Euro brutto monatlich entlohnt.  Wird später noch eine höhere Berufsbildung (auch: Aufstiegsfortbildung) absolviert, wie beispielsweise zum Industriemeister, werden  sogar monatliche Einstiegsgehälter in Höhe  von bis zu 4.400 Euro brutto erzielt – stets in  Abhängigkeit von Branche und Betriebsgröße.   Das klassische Vorurteil, dass Akademiker grundsätzlich mehr verdienen als Nicht- Akademiker, stimmt also nur bedingt. Der Gehaltsdurchschnitt wird bei den akademisch Qualifizierten insbesondere durch Ärzte und Ingenieure angehoben, während andere Berufe deutlich darunter rangieren. Eine berufliche Ausbildung kann also lukrativer sein als ein jahrelanges Studium – insbesondere dann, wenn Absolventen durch die zunehmende Akademisierung immer häufiger  dazu gezwungen sind, mit unterqualifizierten und somit schlechter bezahlten Jobs ins  Erwerbsleben einzusteigen. Perspektivisch dürfte sich das Einkommensgefüge sogar insgesamt zu Gunsten der beruflich Gebildeten verschieben, wenn der  Trend zur Akademisierung weiterhin anhält –  wie sich am Beispiel der MINT-Berufe (MINT  = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) eindrucksvoll belegen  lässt: Im Herbst 2019 berechnete das Institut  der deutschen Wirtschaft (IW) eine MINT-Arbeitskräftelücke von insgesamt 263.000 Personen, die zu rund zwei Dritteln im Segment  der beruflich Qualifizierten verortet ist. Sie setzt sich zusammen aus 122.900 Personen  in MINT-Facharbeiterberufen sowie 48.600  im Bereich der Spezialisten-/Meister-/Technikerberufe. Dem steht eine deutlich kleinere akademische MINT-Arbeitskräftelücke von 91.500 Personen gegenüber.   
 
Stimmt es, dass Akademiker weniger oft arbeitslos sind als Nicht-Akademiker?   
Das Arbeitslosigkeitsrisiko sinkt mit steigen dem Bildungsniveau – ein ziemlich stabiles  Bild: Seit dem Jahr 1975 hat sich die Rang folge bei den Arbeitslosenquoten in den  drei Qualifikationsebenen nicht verändert.  Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) lag die qualifikationsspezifische Arbeitslosenquote für Akademiker im Jahr 2018 stabil bei   2,1 Prozent. Bei Fachkräften, die sich zum Meister- oder Techniker weiterqualifiziert   haben, betrug die Arbeitslosenquote im Vergleichszeitraum hingegen lediglich 1,2 Prozent – und sank zudem dabei gegenüber dem  Vorjahreszeitraum um 0,3 Prozentpunkte. Dies zeigt: Eine duale Ausbildung mit anschließen- der Aufstiegsfortbildung schützt noch besser  vor Arbeitslosigkeit als ein Studium. Wie auch beim Einkommen kann man beim Thema  Arbeitslosigkeit nicht alle Akademiker über  einen Kamm scheren. Die Arbeitslosenquote für studierte Werbe- und Marketingspezialisten wurde zuletzt mit 4,5 Prozent angegeben –  aber lediglich 1,3 Prozent der Absolventinnen  und Absolventen in der Human- und Zahnmedizin finden keine Beschäftigung, was die  Quote insgesamt wieder senkt (vgl. Bundesagentur für  Arbeit 2019).  
 
Stimmt es, dass Akademiker sicherere Jobs haben als Nicht-Akademiker?   
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Befristungsanteil. Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zu folge lag dieser zuletzt für Nicht-Akademiker mit einer abgeschlossenen dualen Ausbildung oder gleichwertigem Berufsfachschulabschluss bei 6,3 Prozent; für Absolventen einer Meister-/ Technikerausbildung bei nur  5,3 Prozent. Der Anteil der Akademiker in einem befristeten Beschäftigungsverhältnis  rangierte indes mit elf Prozent  deutlich über  diesen Werten. Zwar werden Stellen im Wissenschaftsbetrieb, die eher von Akademikern eingenommen werden, häufig befristet aus geschrieben. Gleichwohl ist der Unterschied zu den beruflich Qualifizierten beachtlich.    
 
Fazit
Mit einem Hochschulabschluss in der Tasche verdient man keineswegs generell mehr als ein Nicht-Akademiker. Gleichzeitig ist die Chance, nach einem Studium eine unbefristete Anstellung zu finden, geringer als mit einem Abschluss der höheren Berufsbildung.  Höchste Zeit also, mit den gängigen Vorurteilen aufzuräumen und den Karriereweg der beruflichen Bildung noch stärker als lohnen de Alternative zum Studium zu bewerben –  im Interesse der Fachkräftesicherung der  Wirtschaft