Titelthema

Titelthema - Vom Überwinden von Widersprüchen
06. November 2019
Titelthema

TRIZ

Innovation mit System.
Triz ist das russische Akronym für „Teoria reshenija izobretatjelskich zadacz“. Das heißt sinngemäß übersetzt: „Theorie des erfinderischen Problemlösens“. Die Methodik wurde von Genrich Saulowitsch Altschuller um 1946 ins Leben gerufen und hat sich seitdem konstant weiterentwickelt.
 
Triz zählt in vielen Unternehmen – wie zum Beispiel Samsung – als Standardwerkzeug bei der Entwicklung und Produktverbesserung. Dabei beinhaltet die Systematik eine Vielzahl von Tools für verschiedene Aufgaben. Von der Problemanalyse über die systematische Patentumgehung bis zu Themen wie Kostenreduzierung, Problemlösung oder der Entwicklung einer neuen Produktgeneration.
 
Bert Miecznik, Konzernleitung Strategie- und Konzernentwicklung, Wittenstein SE, Igersheim: „Außerdem ist Triz die einzige Methode, die ich kenne, die nicht sich selbst als Methode, sondern das Ergebnis in den Mittelpunkt stellt.“ So hilft Triz eingefahrene Denkmuster zu durchbrechen und neue Lösungswege zu finden.
 
Dabei wird die Kreativität systematisch und strukturiert gelenkt und angeregt. Sie bietet ein Methodenkasten, um radikale technische Innovationen systematisch zu erarbeiten. Dabei gibt es auch Möglichkeiten, diese Ansätze im Bereich Software oder Management zu nutzen.

"Triz entwickelt die Kraft einer Vision, auch, wenn diese nicht erreichbar scheint." Klaus-Jürgen Uhrner - myTRIZ, Leingarten

 
Widersprüche lösen
Triz entstand ursprünglich durch die Sichtung von 200.000 Patentschriften, woraus Altschuller diejenigen auswählte, die ihm technische Durchbrüche zu beschreiben schienen.
Diese wertete er genauer aus und erkannte drei wesentliche Gesetzmäßigkeiten:

• Einer großen Anzahl von Erfindungen liegt eine vergleichsweise kleine Anzahl von allgemeinen Lösungsprinzipien zugrunde.
• Erst das Überwinden von Widersprüchen macht innovative Entwicklungen möglich.
• Die Evolution technischer Systeme folgt bestimmten Mustern und Gesetzen.
 
Zur Verdeutlichung einige einfache und verkürzte Beispiele. Zu allen Punkten gibt es mehrere Lösungswege und Lösungsansätze durch Triz, exemplarisch sei hier jeweils nur eine Triz-Lösung vorgestellt:

1) Ein Stoff schädigt einen anderen. Wie kommt man auf eine Lösung? Zum Beispiel mit der Triz-Standardlösung „Beseitigung von schädlichen Wirkungen durch einen fremden Stoff“: Wenn ein Stoff schädlich auf einen anderen wirkt, dann füge einen dritten Stoff dazwischen. Beispiele: Helm, Fender beim Schiff, Handschuh, Schutzbrille, Holzlasur und so weiter.
 
2) Ein Produkt muss möglichst groß sein und soll aber wenig Platz wegnehmen. Wie kommt man auf eine Lösung? Zum Beispiel mit dem Triz-Innovationsprinzip 7: „Steckpuppe/Matrjoschka“: Platziere ein Objekt innerhalb eines anderen Objekts…“. Beispiele: Teleskopleiter, Schwerlastkran, Kofferset, Taschenschirm.
 
3) Wir sind an einer physikalischen Grenze, wie sieht die nächste Produktgeneration aus? Zum Beispiel mit den Triz-Trends der technischen Evolution – Mono-Bi-Poly Beispiele: Rasierer mit einer Klinge, Rasierer mit zwei Klingen, Rasierer mit fünf Klingen, Einscheibenverglasung, Zweischeibenverglasung, Dreischeibenverglasung oder Drucker mit einem Druckkopf, Drucker mit zwei Druckköpfen - aktuelle professionelle digitale Farbdrucker für Flyer etwa haben 175 Druckköpfe oder vom Boot mit einem Rumpf zum Katamaran, Trimaran.
 
So ist Triz ein einzigartiger Ansatz zur Lösung von Problemen. Sie versucht dabei nicht den Kompromiss zu optimieren, sondern den Widerspruch zu lösen. Triz basiert auf der Analyse von vergleichbaren technischen Problemen und bietet einen systematischen Ansatz zur Entwicklung neuer, innovativer Produkte.
 
Dipl. Ing. Thomas Bayer, Leiter Innovation Lab, Wittenstein SE aus Igersheim: Die klassische Vorgehensweise der Triz-Methodik macht Mut, sich auf einen eigentlich unmöglichen Weg einzulassen. Obwohl diese Methodik sehr abstrakt und aufwendig ist, ist es doch sinnvoll, sie einzusetzen. Denn damit wird man befähigt, Neues zu denken - mit einem genialen Werkzeugkasten: In den Innovationsprinzipien ist das erfinderische Weltwissen systematisch zur Verfügung gestellt.
 
Und Michael Graf, Director Consulting, Schubert-Consulting a Unit of Schubert Packaging Systems GmbH, Crailsheim ergänzt: „Triz kann man im Alltag, in der betrieblichen Organisation sowie in der allgemeinen Lösungsfindung anwenden. Man denkt außerhalb des Tellerrandes und ist offen gegenüber Neuem.“
 
Dies unterstreicht auch Simon Hame, Prozesstechnik, Ersa GmbH, Wertheim: „Triz ist eine hilfreiche Methode mit zahlreichen Tools, um die psychologische Trägheit zu überwinden und um schneller zu besseren Lösungen vor allem für technische Problemstellungen zu gelangen.“
 
Kann etwas lang und kurz sein?
Der Kopf sagt nein und dies blockiert den Lösungsweg. Als Entwickler steht man oft vor der Herausforderung, dass man Parameter verbessert und sich andere Parameter dadurch verschlechtern. Vermeintlich, weil es die Physik so vorgibt. So kann etwas bekanntlich nicht lang und kurz gleichzeitig sein. Wenn etwas schwarz und weiß sein soll, wird es nach langen Versuchen also grau. Die Kunst im Alltag ist vermeintlich, die Balance so zu steuern, dass der Kunde mit dem grau zufrieden ist.
 
Am Beispiel einer Hundeleine lässt sich dies etwas vertiefen. Wenn die Hundeleine lang ist, dann hat der Hund viel Auslauf, aber er lässt sich schlecht „kontrollieren“. Wenn die Leine kurz ist, dann lässt sich der Hund gut kontrollieren, aber er hat wenig Auslauf. Wenn man sich die beiden Kurven ansieht, liegt die Lösung vermeintlich nahe. Der Schnittpunkt bietet scheinbar die optimale Leinenlänge als Kompromiss zwischen Kontrolle und Auslauf. Der nächste Hundebesitzer, der eine Leine für die große Wiese sucht, bekommt dann nach seinen Wünschen eine Sonderlösung. Das Unternehmen ist zufrieden, größere Produktpalette, mehr Umsatz.
 
In Triz strebt man nach einer Lösung die beides erfüllt. Der Hund soll viel Auslauf haben und sehr gut „kontrollierbar“ sein, und im Sinne der Idealität ohne Aufwand. In Triz würde man sich bei den sogenannten „physikalischen Widersprüchen“ systematisch fragen, wann muss die Leine lang und wann muss die Leine kurz sein oder wo etc. Dies eröffnet einem, dass eine Leine zwar nicht gleichzeitig lang und kurz sein kann, in unserem Anwendungsfall aber verschiedene Zeitpunkte betrachtet werden und dadurch die Physik nicht „überlistet“ werden muss.
Wenn ich auf der großen Wiese bin, brauche ich eine lange Leine, auf dem Gehweg eine Kurze. Die Lösung der einrollbaren Hundeleine ist bekannt, und dies ist eine Lösung auf die man mit Triz systematisch gebracht wird.
 
Wenn man allerdings mit dem Mindset an die Fragestellung geht, dass etwas nichtlang und kurz sein kann, wird man auf diese Lösung nicht kommen. Triz eignet sich besonders für interdisziplinäre Gruppen, Entwickler, Querköpfe und Kreative. Leute die keinen Kompromiss optimieren, sondern den Widerspruch systematisch lösen und aus Denkmustern ausbrechen wollen.
 

Das Problem mit der Hundeleine.

Voraussetzungen hierfür sind laut Bernd Galm, Produktinnovation, Roto Frank DST Produktions- GmbH, Bad Mergentheim: „Freiräume, Methodenkompetenz des Moderators, Kompetenz und Disziplin der Mitarbeiter, Mut zum Risiko und Offenheit für Neues.“ Thomas Bayer, Wittenstein, gibt ein Beispiel: Das Prinzip der Getriebe und der ineinander drehenden Zahnräder ist seit Leonardo da Vinci und damit seit über 500 Jahren bekannt.
 
Mit Triz konnten wir eine neue Getriebegattung mit phänomenalen Leistungszuwächsen von teilweise über 500 Prozent entwickeln. Am Ende ist es uns gelungen, nach Jahrhunderten des „nur Optimierens“ eine disruptiv neue Getriebegattung, das Galaxie®, zu erfinden und diese serienreif zu entwickeln.“
 
Das Galaxie® Antriebssystem wurde neben dem Hermes Award auch mit dem Innovationspreis der Deutschen Wirtschaft ausgezeichnet und erreichte 2018 den Kreis der Besten des Deutschen Zukunftspreises, dem Innovationspreis des deutschen Bundespräsidenten. Und Bernd Galm, Produktinnovation, Roto Frank DST Produktions-GmbH, Bad Mergentheim, bestätigt: „Triz verändert das Denken und die Arbeitsweise, fordert aber auch Zeit, was sich aber sehr oft bewährt, da viele Schleifen oder Versuche vermieden werden.“ 

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