Für die Älteren von uns bestand der erste Kontakt mit Italien aus Begegnungen mit italienischen Gastarbeitern, die auf deutschen Baustellen oder in deutschen Betrieben arbeiteten. Dort traf man auf junge Männer wie Lino oder Vittorio aus Brindisi, die nach dem Anwerbeabkommen Mitte der Fünfziger Jahre nach Deutschland kamen, um im kalten Norden nach einem guten Einkommen und einem besseren Leben zu suchen. Obwohl der Arbeitseinsatz nur vorübergehend und die Rückkehr ins Heimatland fest eingeplant war, blieben viele Italiener hier, heirateten und gründeten Familien. Anfang der siebziger Jahre lebten schließlich mehr als 620.000 Italiener in Deutschland. Heute gibt es über 750.000 italienischstämmige Mitbürger, während umgekehrt knapp 40.000 Deutsche in Italien leben und arbeiten.

Die italienischen Gastarbeiter trugen zum wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands bei und bereicherten schnell das kulturelle Leben ihres Gastlandes mit der italienischen Lebensart. Heute findet man im kleinsten Ort eine Pizzeria oder ein Eiscafé, wo sich die Gäste gerne an ihren letzten Urlaub an der Adria oder in Rom zurückerinnern. Die Herzlichkeit der Italiener, gerade im Umgang mit Kindern, ist sprichwörtlich und ihre Gastfreundschaft legendär.
 
Krise auf dem Arbeitsmarkt
Ein Land also, in dem es sich eigentlich gut leben lässt, wäre da nicht eine hohe Arbeitslosenquote von über zehn Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit liegt sogar über 30 Prozent, was es gerade für junge und gut ausgebildete Menschen schwierig macht, einen Einstieg ins Berufsleben zu finden. Die Krise auf dem Arbeitsmarkt führte in den letzten Jahren zu einer Wiederkehr der Migration ins Ausland mit von Jahr zu Jahr steigenden Zahlen. Dabei sind es nicht nur die jungen Italiener, die ihre Heimat verlassen, sondern auch eine wachsende Zahl der Vierzig- bis Fünfzigjährigen, die im eigenen Land keine Zukunft mehr sehen.

Im Jahr 2016 haben weit über 100.000 Italiener ihr Land verlassen, um im Ausland ihr Glück zu suchen, was für den italienischen Staat nicht nur einen hohen Verlust bei den Bildungsausgaben bedeutet. Wer einmal sein Land verlassen hat und im Ausland ein gutes Auskommen gefunden hat, kehrt unter Umständen nicht mehr zurück.
 
Handelsvolumen steigt
Um die Konjunktur anzukurbeln und die Abwanderung gut qualifizierter Arbeitskräfte zu stoppen, hat die italienische Regierung mit Gegenmaßnahmen reagiert. Der bereits von der Regierung Renzi initiierte Plan „Industrie 4.0“ hat in den vergangenen Jahren bereits zu einem deutlichen Investitionsanstieg im Maschinen- und Anlagenbau geführt. Die neue Regierung unter Premierminister Giuseppe Conte möchte im Jahr 2019 die Förderungen weiter ausbauen und dabei vor allem für kleine und mittlere Unternehmen verbesserte Rahmenbedingungen und Investitionsanreize schaffen. Dies wird zu einer verstärkten Auslandstätigkeit italienischer Firmen führen.
 
Das Jahr 2018 verzeichnete sogar einen neuen Rekord im wirtschaftlichen Austausch zwischen Italien und Deutschland. Das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern stieg im vergangenen Jahr deutlich an und erreichte die neue Höchstmarke von 130,2 Milliarden Euro. Italien exportierte Waren im Wert von 60,2 Milliarden Euro nach Deutschland, während umgekehrt Waren in Höhe von 70 Milliarden Euro nach Italien geliefert wurden.

Das Herz der deutsch-italienischen Handelspartnerschaft ist die industrielle Produktion, wobei die Bereiche Maschinenbau, Automobil, Chemie/Pharma und Elektro/ Elektronik die stärksten Impulsgeber sind. In diesen Sektoren sind die Ausfuhren aus Italien und Deutschland im vergangenen Jahr gestiegen, wobei man das Exportvolumen der deutschen Automobilindustrie ausnehmen muss.
 
Wichtige Volkswirtschaft in der EU
Als leistungsfähiger Industriestandort mit spezialisierten kleinen und mittleren Unternehmen im Bereich der verarbeitenden Industrie bietet der italienische Markt gute Geschäftschancen für baden-württembergische Unternehmen. Wenn auch das Wirtschaftswachstum in Italien in den letzten Jahren stagnierte und sich nur langsam auf unterem Level konsolidierte, ist unser südlicher Nachbar – wenn man das Vereinigte Königreich ausnimmt – als drittgrößte Volkswirtschaft in der EU einer der größten Nettozahler. Selbst der vielgescholtene Mezzogiorno, der im Gegensatz zum hochindustrialisierten Norden ärmere Süden, hat eine höhere Wirtschaftsleistung als zum Beispiel Tschechien oder Polen (nach BiP pro Kopf im Jahr 2016).
 
Ob Italien das ursprünglich für 2019 angestrebte Wirtschaftswachstum erreichen wird, bleibt indes fraglich. Das vom Internationalen Währungsfonds noch im März prognostizierte Wachstum von 0,6 Prozent musste die italienische Regierung bereits im April auf 0,2 Prozent korrigieren. Die geplante Begrenzung der Neuverschuldung wird dadurch kaum einzuhalten sein.
 
Viele Gemeinsamkeiten
Deutschland ist mit deutlichem Abstand zu Frankreich der führende Handelspartner Italiens, und die starken wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den beiden Ländern dürften auch durch die gegenwärtigen politischen Verwerfungen innerhalb der EU nicht beeinträchtigt werden. Der italienische Regierungschef Conte sieht in Deutschland einen engen und verlässlichen Partner, mit dem man viele Gemeinsamkeiten hat.

Neben den permanenten Begegnungen auf politischer Ebene gibt es ein dichtes Netz von deutschen Kultureinrichtungen in Italien, das die deutschitalienischen Beziehungen pflegt und fördert. Erwähnt seien hier die kunsthistorischen Institute in Rom und Florenz, die Villa Massimo in Rom, in der seit 1913 deutsche Künstler über einen Zeitraum von mehreren Monaten leben und arbeiten können, die Goethe-Institute in mehreren italienischen Großstädten, sowie die zahlreichen deutsch-italienischen Kulturgesellschaften.
 
Krisenerprobt
Trotz der von den Deutschen oft als instabil empfundenen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Italien, hatte man in den letzten Jahren nie das Gefühl, dass das Land scheitern könnte. Die Italiener schienen im Umgang mit ihren Krisen immer über ausreichend Gelassenheit und kreatives Potenzial zu verfügen. Dennoch lässt sich die Frage „quo vadis Italien?“ zurzeit nur schwer beantworten. Ein Happy End ist aber nicht ausgeschlossen.
 
AHK-Sprechtag Italien am 17. September
Als leistungsfähiger Industriestandort bietet der italienische Markt gute Geschäftschancen für baden-württembergische Unternehmen. Für Unternehmer, die einen Vertriebspartner in Italien suchen, bereits bestehende Verbindungen festigen oder die Marktchancen für ihr Produkt einschätzen lassen möchten, bietet sich der kostenfreie IHK-Sprechtag Italien an. Barbara Profanter, Projektleiterin Internationale Geschäftsentwicklung bei der Deutsch- Italienischen Handelskammer in Mailand, steht am Dienstag, den 17. September in etwa 45-minütigen Einzelgesprächen zur Verfügung. Anmeldeschluss ist der 10. September. Weitere Informationen finden Sie auf der linken Seite.