Geld + Märkte

09. Mai 2019
Länderporträt

Mit Schirm, Charme und Melone

Interkulturelle Tipps für die Geschäftsbeziehungen zu Großbritannien.
Ob hart oder weich: der Brexit kommt und bringt Unsicherheiten – vor allem für den Handel. Fakt ist: Großbritannien gehört zu den wichtigsten Wirtschaftspartnern Deutschlands. Trotz geografischer Nähe sind die kulturellen Unterschiede beider Länder größer als so mancher annimmt. Susanne Philippsen ist interkulturelle Trainerin bei den gemeinnützigen Carl Duisberg Centren und gibt Tipps für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Briten.
 
Humor ist die beste Medizin
Für Erich Kästner ist Humor „der Regenschirm der Weisen.“ Und sowohl Humor als auch den Regenschirm braucht man in Großbritannien ganz sicher. Briten kaschieren Emotionen gerne mit Humor, entschärfen damit Konflikte oder nutzen ihn als „Ice breaker“ bei Präsentationen. Berühmt wie berüchtigt ist der „schwarze Humor“, gerne begleitet von einer Portion Ironie. Ernsthaft vorgetragen ist er oft schwer zu erkennen. In Großbritannien punktet, wer sich von der humorigen Seite zeigt.
 
Mit Zurückhaltung zum Ziel
Deutsche achten nach wie vor auf Titel. In Großbritannien dagegen triff t man einen „doctor“ meist nur im Krankenhaus, erfährt vom Abschluss an einer Elite-Uni eher beiläufig beim informellen Plausch. Nur Prahler pochen auf Titel und Erfolge. Man sollte sich bei einer Vorstellungsrunde am britischen Geschäftspartner orientieren und sich nicht zu sehr in den Vordergrund spielen. Wer vehement auf seinem Standpunkt beharrt, wird schnell zum „know-it-all“ – einem Besserwisser mit vermeintlich „typisch deutscher Überheblichkeit“. Besser ist es einen Konsens für eine gemeinsame Lösung zu finden.
 
Höflichkeit ist Trumpf
Sie rempeln jemanden an und Ihr Gegenüber entschuldigt sich fürs Im-Weg-stehen? Klar, denn das ist der britische Sinn für Höflichkeit. Daher gilt es nicht mit Dank zu sparen – und lieber einmal zu viel als zu wenig „thanks a lot“ oder das umgangssprachliche „cheers“ verlauten zu lassen. Im Geschäftsleben empfinden es Briten als schroff , wenn Deutsche direkt kommunizieren und ohne Umschweife auf den Punkt kommen. „We want“ oder „You should…“ sollten direkt aus dem Vokabular gestrichen werden. Und ein für deutsche Ohren gut gemeintes „Could you please?“ toppen Briten noch durch ein wesentlich höflicheres „I wonder, do you think you could…?“ oder „Would you mind“.
 
Vorsicht bei Kritik
Die vielgeliebte deutsche „konstruktive Kritik“ verpacken Briten deutlich freundlicher und so weniger offensichtlich. Hinter einer vermeintlich kleinen Anmerkung kann die komplette Überarbeitung eines Berichts stecken. Britische Höflichkeitsformeln wie „very helpful“ und „interesting“ können eine Absage zur Folge haben. Denn echte Begeisterung drücken Briten mit „excellent“ oder „brilliant“ aus. Ein deutliches Zeichen für das Interesse an einer Person und ihren Dienstleistungen signalisiert die Einladung zu einem informellen Abendessen.
 
Pragmatisch, praktisch, gut

Während Deutsche wegen ihrer Planungsliebe, Projektpläne und To-Do-Listen gerne als Pedanten gelten, bevorzugen Briten pragmatische Lösungen und das „Durchwurschteln“ von Fall zu Fall. Unbekannte Einflussfaktoren stellen weniger Probleme dar als für die deutschen Partner. Denn was zählt ist der „common sense“ und die eigene Erfahrung. Daher sollte man in der Zusammenarbeit auch mal „fünf gerade sein lassen“ und sich flexibel zeigen. 

Susanne Philippsen.

Unverhofft kommt oft
Der feinen englischen Art stehen britische Büroevents entgegen, die als wilde Motto- Partys zu jeder Jahreszeit eher an den rheinischen Karneval erinnern. Auch an „Crazy Socks Days“ peppen viele ihr Bürooutfit mit verrückten Socken auf. Briten beherrschen den Spagat zwischen vornehmer Selbstdisziplin und ausgelassenem Feiern. Gemeinsam den Rahmen sprengen: dies ist gelegentlich sogar erwünscht. Wer sich komplett dagegen sperrt, gilt schnell als Spaßbremse. Tipp: Authentisch bleiben – auch ein kleines Accessoire zeigt den guten Willen.
 
„You“ ist nicht gleich „You“
Engländer gehen gerne direkt zum Vornamen über. Wer sich unsicher ist, wartet ab, ob dieser ihm angeboten wird. Ein kumpelhaftes Verhalten ist dann allerdings nicht empfehlenswert. Trotz des lockeren Umgangstons bestehen subtiler kommunizierte hierarchische Unterschiede. So etwa haben Vorgesetzte in Meetings längere Redeanteile. Zudem kommt ein Handschlag in der Regel nur beim ersten Kennenlernen zum Einsatz – denn dieser ist in Großbritannien völlig unüblich. Ein „Good to see you“ oder „How are you doing?“ reicht ansonsten völlig aus.