Titelthema

19. Dezember 2018
Energiewende

Stimmung gekippt

Die jüngste Umfrage der IHK-Organisation zeigt, dass die Unternehmen hierzulande unzufrieden mit dem Status quo der Energiewende und der Unsicherheit über deren Entwicklung sind.
An der Online-Erhebung für das „IHK-Energiewende-Barometer 2018“ beteiligten sich knapp 2.200 Mitgliedsunternehmen der Industrie- und Handelskammern (IHKs).

Das Fazit, das DIHK-Präsident Eric Schweitzer gegenüber dem „Handelsblatt“ zog, ist ernüchternd: „Die Stimmung zur Energiewende ist gekippt. Die Unternehmen sehen inzwischen mehr Risiken als Chancen in der Energiewende.“

Gesamtwirtschaftliche Herausforderung
Erstmals seit 2014 falle die Bewertung schlechter aus als im Vorjahr. Schweitzer: „Die Akzeptanz schwindet vor allem wegen steigender Energiekosten, nicht nur bei Öl und Gas.“ Rund 40 Prozent der Unternehmen hätten 2018 von steigenden Strompreisen berichtet; die Hauptlast trage der Mittelstand. „In keinem EU-Land sind die Strompreise für mittelständische Industriebetriebe höher als hierzulande“, kritisierte der DIHK-Präsident.

Und er warnte: „Der aktuell diskutierte Ausstieg aus der Kohleverstromung wird zu weiteren Kostensteigerungen führen.“ Die Entwicklung betreffe nicht nur energieintensive Unternehmen. „Sie behindert Investitionen und die Neuansiedlung von Unternehmen in der Breite und wird damit zu einer gesamtwirtschaftlichen Herausforderung“, so Schweitzer.

„Die Unternehmen sehen inzwischen mehr Risiken als Chancen in der Energiewende.“ - Eric Schweitzer, DIHK-Präsident


Wirtschaft fordert zügige Entlastung
Das gelte besonders für die vom Braunkohleausstieg direkt betroffenen Regionen, die auf die Ansiedlung von Zukunftstechnologien hofften, etwa der Batteriezellenfertigung oder der Verarbeitung von Carbonfasern. „Hohe Stromkosten machen den angestrebten Strukturwandel noch schwieriger.“

Notwendig sei deshalb eine zügige Entlastung der Wirtschaft. Das fordern laut Energiewende- Barometer zwei Drittel der Unternehmen. Als „guten Weg dafür“ schlug der DIHK-Präsident vor, einen großen Teil der EEG-Umlage aus dem Bundeshaushalt zu finanzieren. „Zu den Top-Forderungen gehören außerdem eine Beschleunigung des Netzausbaus und eine bessere Abstimmung der vielen Einzelmaßnahmen zur Umsetzung der Energiewende.“

Auswertung Baden-Württemberg
Die Unternehmen in Baden-Württemberg beurteilen die Auswirkungen der Energiewende auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit knapp ausgeglichen. Allerdings: Nach drei Jahren mit positiven Werten sackt die Bewertung wieder etwas unter die neutrale „Null“. Das ergab die Baden-Württembergspezifische Auswertung des bundesweiten DIHK-Energiewendebarometers 2018. Auf einer Skala von -100 bis +100 bewerten die am heimischen Standort befragten Unternehmen die Auswirkungen auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit mit -2,4. Für Deutschland liegt dieser Wert bei -4,9. Netzausbau und Versorgungssicherheit

Gefragt nach den Maßnahmen, die die Politik kurzfristig ergreifen sollte, steht bei den baden-württembergischen Betrieben die Forderung nach Unterstützung des Netzausbaus und damit das Thema Versorgungssicherheit klar an erster Position, ebenso bei den Unternehmen in Deutschland und bei der hiesigen Industrie. Prioritär werden auch die Forderung nach Reduzierung von Steuern und Abgaben auf den Strompreis und die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren bewertet. 97 Prozent der Industrieunternehmen im Land (94 Prozent der Industriebetriebe bundesweit) beschäftigen sich mit Aktivitäten zur Steigerung der Energieeffizienz mit steigendem Umsetzungsgrad, obwohl gleichzeitig 81 Prozent der Industriebetriebe maximal ein Prozent Einsparpotenzial pro Jahr im eigenen Unternehmen sehen.

Investitionen in effiziente Technik finden sich auf Platz eins der am häufigsten ergriffenen Maßnahmen. Aktivitätsverlagerungen ins Ausland aufgrund energiewirtschaftlicher Einflüsse bleiben bei etwa 20 Prozent der Industrieunternehmen in Baden-Württemberg in Umsetzung oder Betracht. Die Aufforderung an die Politik besteht daher weiter, für dauerhafte Versorgungssicherheit und international wettbewerbsgerechte Strompreise zu sorgen, zumal die Unternehmen in den letzten zwölf Monaten von wieder anziehenden Strom- und Energiepreisen berichten.

Weitere Artikel zum Titelthema finden Sie in der jeweiligen Ausgabe im Archiv.

DIHK-Präsident Eric Schweitzer


 

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